Zwei WegBegleiterinnen, die ich nicht los werde ....

Aktualisiert: 15. Feb. 2020

Manchmal bestimmen sie mein Leben mehr als ich selber: meine ADHS schon von Kind an, meine chronischen Depressionen seit mehr als 14 Jahren. Darum gebeten habe ich keine der beiden. Aber mit einer von beiden hab ich mich mittlerweile angefreundet, weiß vieles an ihr zu schätzen. Mit der anderen - der Depression, der blöden Kuh - liege ich eigentlich nur im Clinch.



Warum ich so lange nicht auf facebook aufgetaucht bin und jetzt auf einmal wieder "zu allem und jedem" was poste? Und auch im analogen Leben fällt den Leuten auf, dass ich manchmal wie von der Erdoberfläche verschluckt bin, und dann irgendwann wieder mittendrin und überall! Das bin ich dieser Tage gefragt worden, darauf wurde ich angesprochen, mehr als einmal.


Hier die Antwort:


Es gibt Phasen in meinem Leben, da werde ich komplett ausgebremst durch eine chronische Depression, die mich seit nunmehr über 14 Jahren ungefragt begleitet. Mal hat sie mich im Griff, mal ich sie. Wir kämpfen ständig miteinander darum, wer mein Leben bestimmt - sie oder ich. Ich darf sie nicht missachten, darf nicht so tun, als gäbe es sie nicht - das nimmt sie mehr sehr übel und schlägt dann oft aus dem Hinterhalt voll zu. Ich darf ihr aber auch nicht die Zügel in die Hand geben - dann macht sie mich zu ihrer Untertanin. Dieses Gleichgewicht zu halten, das gelingt mir nicht immer. Es aber beständig zu versuchen, das ist zu mindestens für mich sehr anstrengend. Wie es ihr (der Depression) damit geht, weiß ich nicht! Wenn diese blöde Kuh dann doch von Zeit zu Zeit die Oberhand gewinnt, dann wird es sehr still in mir und um mich herum.


Sie macht, dass ich mich fühle, als habe mir jemand die Batterie ausgebaut, als befinde ich mich in Auflösung. Sie macht, dass ich mich komplett zurückziehen muss, um zu überleben. Um mehr geht es in diesen schlimmen Zeiten oftmals wirklich nicht. Sie macht sogar, dass ich Angst bekomme, dass mir das mit dem Überleben irgendwann mal egal sein könnte.


Aber ich habe mir mein Leben bis dato immer wieder zurückerobert. Nein, nicht ich alleine - eine gute fachärztliche Betreuung und vor allem meine Familie, mein unglaublicher Mann helfen mir immer wieder dabei. Dafür bin ich so unendlich dankbar.


Dann habe ich da noch so eine innere "Partnerin", die mein Leben mal mehr und mal weniger beeinflusst, bei der ich immer darauf achten muss, dass ich ihr gerecht werde, sie nicht ignoriere, sie akzeptiere und als gute Freundin in mein Leben integriere. Sie ist mir wesentlich näher als diese ungeliebte ZwangsUntermieterin Depression, ich mag sie sogar eigentlich und meistens ganz gern. Schließlich kennen wir uns und leben miteinander schon seit meiner Kindheit. Wenn wir beide gut drauf sind, können wir im Duett sehr anstrengend sein, vor allem für die Außenwelt - sorry dafür an alle meine Liebsten! Aber dann sind wir auch richtig produktiv, fantasievoll, unschla


gbar, witzig, spontan, voller Energie. Die Depression hat dann nichts zu sagen, schmollt vermutlich irgendwo leise vor sich hin .... (hat dann natürlich Zeit, Kräfte zu sammeln


). Ach so, ja, ich habe diese Freundin noch gar nicht vorgestellt? Sie heißt ADHS, ist gar nicht so, wie sie oft dargestellt wird - halt bisschen speziell und wild, manchmal frech und unaufhaltsam, sie versucht immer zu mach


en, was sie grad will, lenkt mich ab, von dem, was eigentlich grad Plan war, quasselt dazwischen und ist auch schon mal echt laut. ADHS kann auch nicht "Konzentration" buchstabieren, weil sie mittendrin schon wieder über Geometrie nachdenkt, Mitleid mit einem sterbenden Insekt hat, den Wochenkochplan dreimal umschmeißt und sich ja zudem noch über die Art und Weise aufregen muss, was grad politisch so abgeht. Ein anderes Mal kann sie nicht vom Thema lassen, fokussiert, beißt sich fest, verliert dabei das Gefühl für


Raum und Zeit, Hunger, Durst , Müdigkeit und Pflichten. Aber sie ist auch die mit den guten Ideen, mit den verrückten Lösungen, mit der grenzenloser Neugier, mit dem unendlich großen Sinn für Gerechtigkeit, mit der Kampfeslust, der Lebensgier, d


em übervollen Herz, sie ist die mit der Offenporigkeit, die meine Empathie so groß macht und meine Verletzlichkeit damit natürlich auch ... Wenn wir beide miteinander durchs Leben tanzen, dann erleben mich auch die Leute außerhalb meiner Familie wieder, dann kann ich meine Klappe nicht halten in der Warteschlange an der Supermarktkasse, dann grüße ich doppelt fröhlich und quassel gerne mit allen möglichen Leuten über Gott und die Welt, dann bin ich überall da, wo was los ist, erzähle auch schon mal ungefragt kleine Anekdötchen und dann poste ich eben auch wieder auf facebook, was das Zeug hält.




So ist das bei mir: wenn ich da bin, bin ich ganz und gar da. Und wenn ich nicht ganz und gar da sein kann, dann bin ich auch fast nicht zu sehen und zu hören. Analog & digital.

"Bisschen" gibt es mich eigentlich gar nicht....

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